„Müssen eure Kinder nicht mal unter andere Kinder?“
Diese Frage höre ich regelmäßig.
Manchmal freundlich interessiert.
Manchmal besorgt.
Und manchmal so, als würden unsere Töchter den ganzen Tag in einem dunklen Keller sitzen und darauf warten, endlich gerettet zu werden.
Die Wahrheit ist deutlich unspektakulärer.
Unsere Kinder leben einfach ihr Leben.
Ohne Kindergarten.
Und genau das scheint für viele Menschen schwer vorstellbar zu sein.
Denn wir leben in einer Zeit, in der Kindergarten nicht nur als Möglichkeit gesehen wird, sondern oft als Selbstverständlichkeit. Als etwas, das Kinder brauchen. Als etwas, das man eben macht.
Aber stimmt das eigentlich?
Einen spannenden Post dazu findest Du bei Instagram: @heartschooling.de
Ist Kindergarten in Deutschland Pflicht?
Fangen wir mit einer einfachen Tatsache an.
Nein.
Kindergarten ist in Deutschland nicht verpflichtend.
Trotzdem reagieren viele Menschen überrascht, wenn sie hören, dass ein Kind keinen Kindergarten besucht.
Fast so, als hätte man erzählt, dass das Kind niemals frische Luft bekommt.
Irgendwann habe ich mich gefragt:
Warum eigentlich?
Warum löst diese Entscheidung bei so vielen Menschen Unbehagen aus?
Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass es weniger um Kinder geht als um gesellschaftliche Erwartungen.
Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass Kinder ab einem bestimmten Alter in Betreuungseinrichtungen gehen, dass wir kaum noch hinterfragen, ob das für jedes Kind wirklich der passende Weg ist.
Warum wir uns gegen den Kindergarten entschieden haben
Unsere Entscheidung hatte nichts mit Trotz zu tun.
Wir wollten kein Statement setzen.
Wir wollten niemandem beweisen, dass wir es besser wissen.
Wir haben einfach unsere Kinder beobachtet.
Und irgendwann fiel uns auf, dass viele Dinge, die angeblich nur im Kindergarten passieren, bereits stattfanden.
Unsere Kinder lernten.
Unsere Kinder spielten.
Unsere Kinder stellten Fragen.
Unsere Kinder schlossen Freundschaften.
Unsere Kinder entwickelten sich.
Nicht weil wir ihnen Arbeitsblätter hingelegt hätten.
Nicht weil jemand einen Bildungsplan abgearbeitet hätte.
Sondern weil sie Kinder sind.
Manchmal habe ich das Gefühl, Erwachsene unterschätzen völlig, wie viel Entwicklung von selbst passiert, wenn man Kinder einfach leben lässt.
Lernen Kinder ohne Kindergarten genug?Allein die Frage finde ich spannend.
Denn sie verrät bereits eine bestimmte Vorstellung von Lernen.
Nämlich die Idee, dass Lernen etwas ist, das organisiert werden muss.
Dass Erwachsene Aktivitäten vorbereiten müssen.
Dass Entwicklung geplant werden muss.
Aber wenn ich kleine Kinder beobachte, sehe ich etwas völlig anderes.
Ich sehe Menschen, die pausenlos lernen.
Sie lernen beim Klettern.
Beim Backen.
Beim Streiten.
Beim Verhandeln.
Beim Fragen.
Beim Scheitern.
Beim Spielen.
Eigentlich müsste man eher fragen:
Wie schafft man es überhaupt, Kinder vom Lernen abzuhalten?
Kinder kommen mit einer Neugier auf die Welt, von der viele Erwachsene nur träumen können.
Die eigentliche Herausforderung besteht oft nicht darin, Lernen zu erzeugen.
Sondern darin, diese natürliche Begeisterung nicht kaputt zu machen.Diese Frage hören wir besonders häufig.
Die kurze Antwort lautet:
Ja.
Die längere Antwort ist interessanter.
Kinder lernen nicht deshalb, weil Erwachsene einen Lernplan erstellen.
Kinder lernen, weil sie neugierig sind.
Unsere Töchter stellen täglich Fragen. Sie möchten wissen, wie Pflanzen wachsen, warum Regen entsteht, wie man Brot backt oder weshalb manche Tiere Winterschlaf halten.
Aus diesen Fragen entstehen oft Lernprozesse, die viel tiefer gehen als jede vorbereitete Aktivität.
Denn echtes Interesse lässt sich nicht erzwingen.
Aber Kinder brauchen doch soziale Kontakte!
Ah. Mein persönlicher Favorit.
Der Satz taucht zuverlässig in nahezu jeder Diskussion auf.
Und jedes Mal frage ich mich dasselbe:
Was genau meinen wir eigentlich mit sozialen Kontakten?
Denn merkwürdigerweise scheint diese Regel nur für Kinder zu gelten.
Niemand fragt mich:
„Tom, hattest du heute genügend Kontakt zu exakt gleichaltrigen Männern?“
Bei Erwachsenen wäre das absurd.
Da gelten Gespräche mit Menschen jeden Alters als normal.
Mit Nachbarn.
Mit Freunden.
Mit Familienmitgliedern.
Mit Kollegen.
Mit Verkäufern.
Mit alten Menschen.
Mit jungen Menschen.
Mit Kindern.
Mit Erwachsenen.
Mit Menschen eben.
Warum wird bei Kindern plötzlich so getan, als wären ausschließlich Gruppen gleichaltriger Kinder relevant?
Unsere Töchter begegnen ständig Menschen.
Auf Spielplätzen.
Beim Einkaufen.
Im Wald.
Auf Reisen.
Bei Freunden.
In der Familie.
In der Nachbarschaft.
Sie lachen.
Sie streiten.
Sie verhandeln.
Sie schließen Freundschaften.
Kurz gesagt:
Sie leben mitten in einer Gesellschaft.
Manchmal habe ich das Gefühl, wir haben vergessen, dass Menschen jahrtausendelang sozialisiert wurden, bevor es überhaupt Kindergärten gab.
Was Kinder wirklich brauchen
Heute habe ich mich wieder über diesen Satz geärgert:
„Kinder brauchen das.“ Kinder brauchen jenes. Kinder brauchen dieses.
Erstaunlich viele Menschen wissen offenbar ganz genau, was alle Kinder brauchen. Meistens sogar Menschen, die meine Kinder überhaupt nicht kennen.
Ich sehe das inzwischen etwas anders.
Kinder sind keine Zimmerpflanzen mit einer einheitlichen Pflegeanleitung.
Sie sind Menschen.
Unterschiedliche Menschen.
Mit unterschiedlichen Bedürfnissen.
Mit unterschiedlichen Temperamenten.
Mit unterschiedlichen Interessen.
Die eigentliche Frage lautet für mich deshalb nicht:
„Was brauchen Kinder?“
Sondern:
„Was braucht dieses Kind?“
Und genau dort wird es plötzlich spannend.
Denn dann müssen wir anfangen hinzusehen.
Nicht auf Konzepte.
Nicht auf gesellschaftliche Erwartungen.
Sondern auf das Kind vor uns.
Bedeutet das, dass Kindergarten schlecht ist?
Nein. So einfach würde ich es mir nicht machen.
Es gibt Kinder, die gerne in den Kindergarten gehen.
Es gibt Familien, für die Kindergarten wunderbar funktioniert.
Es gibt engagierte Erzieherinnen und Erzieher, die großartige Arbeit leisten.
Aber daraus folgt nicht automatisch, dass Kindergarten für jedes Kind die beste Lösung ist.
Genau wie Homeschooling nicht für jede Familie passt.
Genau wie Reisen nicht für jede Familie passt.
Genau wie ein Haus auf dem Land nicht für jede Familie passt.
Das Problem beginnt für mich dort, wo aus einer Möglichkeit plötzlich eine Norm wird.
Wo nicht mehr gefragt wird:
„Passt das zu euch?“
Sondern:
„Warum macht ihr das nicht?“
Unser Fazit
Wenn mich heute jemand fragt, warum unsere Kinder nicht in den Kindergarten gehen, dann antworte ich meistens ziemlich unspektakulär:
Weil es für unsere Familie gerade nicht passt.
Nicht mehr.
Nicht weniger.
Wir glauben nicht, dass Kinder defizitär auf die Welt kommen.
Wir glauben nicht, dass ihre Entwicklung ständig angeschoben werden muss.
Und wir glauben auch nicht, dass Lernen ausschließlich dort stattfindet, wo Erwachsene es geplant haben.
Unsere Erfahrung ist eine andere.
Kinder wollen lernen.
Kinder wollen entdecken.
Kinder wollen dazugehören.
Kinder wollen wachsen.
Die Frage ist also gar nicht „Kindergarten ja oder nein“.
Die spannende Frage ist auch nicht, wie wir all das erzeugen können.
Die spannende Frage ist, wie oft wir ihnen dabei eigentlich im Weg stehen.
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