Ich lese ständig Diskussionen über die Sozialisierung von Kindern.
In Kommentaren. In Reels. In Blogartikeln. Überall taucht früher oder später das gleiche Argument auf:
„Kinder brauchen die Kita für die Sozialisierung.“
Und je länger ich darüber nachdenke, desto mehr stört mich eigentlich schon dieses eine Wort.
Sozialisierung.
Denn was bedeutet es überhaupt?
Wenn wir ehrlich sind, steckt darin bereits eine Annahme. Nämlich, dass es eine gesellschaftliche Norm gibt, an die ein Mensch angepasst werden muss.
Ein Kind kommt auf die Welt.
Und scheinbar besteht sofort Einigkeit darüber, dass dieses Kind nun sozialisiert werden müsse.
Warum eigentlich?
Was genau fehlt diesem Menschen?
Was verstehen wir unter Sozialisierung?
Meistens werden ähnliche Dinge genannt:
- gutes Benehmen
- Rücksichtnahme
- gesellschaftliche Regeln
- Anstand
- Konfliktfähigkeit
Und versteht mich nicht falsch.
Natürlich finde ich es sinnvoll, wenn Menschen respektvoll miteinander umgehen.
Ich wünsche mir auch keine Gesellschaft, in der jeder einfach macht, was er will und andere verletzt.
Aber ist das wirklich das Gleiche wie Sozialisierung?
Oder verwechseln wir hier vielleicht etwas?
Die Kita als Anpassungsraum
Wenn Menschen sagen, Kinder müssten in die Kita, um sozialisiert zu werden, frage ich mich oft, was dort eigentlich konkret gelernt werden soll.
Aus meiner Sicht lernen Kinder dort vor allem eines:
Anpassung.
Sie lernen, sich in große Gruppen einzufügen.
Sie lernen zu warten.
Sie lernen sich durchzusetzen.
Sie lernen, dass ihre Bedürfnisse nicht immer sofort Platz haben.
Und ja, sie lernen häufig auch, die Ellenbogen auszufahren.
Denn wo viele Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen zusammentreffen, entsteht zwangsläufig Konkurrenz.
Um Aufmerksamkeit.
Um Ressourcen.
Um Raum.
Das mag später im Leben durchaus nützlich sein.
Die Frage ist nur:
Ist das wirklich das Ziel?
Aber was ist später im Berufsleben?
Dieses Argument höre ich oft.
„Später im Job muss man sich doch auch durchsetzen können.“
Aber wenn ich auf meine eigenen Erfahrungen zurückblicke, sehe ich etwas anderes.
Die wenigsten Menschen setzen sich erfolgreich gegen Vorgesetzte durch.
Und die Menschen, die besonders gut darin sind, sich durchzusetzen, kämpfen häufig nicht gegen Machtstrukturen.
Sie kämpfen gegen andere Mitarbeitende.
Oft gegen die Schwächeren.
Oft gegen die Jüngeren.
Oft gegen diejenigen, die weniger Einfluss haben.
Wenn das das Ergebnis gelungener Sozialisierung sein soll, dann finde ich das zumindest diskussionswürdig.
Was wäre die Alternative?
Vielleicht geht es gar nicht darum, Kinder zu sozialisieren.
Vielleicht geht es darum, ihnen etwas ganz anderes zu ermöglichen.
Sich gesehen zu fühlen.
Sich angenommen zu fühlen.
Zu erleben, dass sie dazugehören, ohne sich verbiegen zu müssen.
Dass sie wichtig sind.
Dass ihre Persönlichkeit Platz hat.
Dass sie nicht erst zu jemand anderem werden müssen, um akzeptiert zu werden.
Denn wir erwarten von schüchternen Kindern ständig, mutiger zu werden.
Von lauten Kindern erwarten wir, ruhiger zu werden.
Von sensiblen Kindern erwarten wir, robuster zu werden.
Und von wilden Kindern erwarten wir, kontrollierter zu werden.
Warum eigentlich?
Warum darf ein Mensch nicht einfach sein?
Die eigentliche Frage
Vielleicht sollten wir weniger darüber sprechen, wie wir Kinder sozialisieren können.
Und mehr darüber, warum wir überhaupt glauben, dass sie sozialisiert werden müssen.
Denn manchmal wirkt es auf mich so, als hätten wir ein Bild davon entwickelt, wie ein Mensch zu sein hat.
Und jedes Kind, das von diesem Bild abweicht, soll wieder näher an die Norm herangeführt werden.
Nicht weil das Kind leidet.
Sondern weil die Abweichung andere stört.
Und genau an diesem Punkt beginnt für mich die eigentliche Diskussion.
